Höflichkeit, wozu?

10. November 2016

Was ist so schlimm daran, ein bisschen länger als gewohnt auf eine Erwiderung des Gesprächspartners warten zu müssen? Die Antwort ist einfach: Es verstößt gegen die Regeln.

„Alltagsgespräche verlaufen alles andere als willkürlich“ lesen wir in der neuesten Wochenende-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Smalltalk folgt komplexen Regeln, die Schwerstarbeit für das Gehirn bedeuten. Während jedes noch so banalen Wortwechsels muss es etwas leisten, das es eigentlich gar nicht beherrscht: Multitasking. Schon wenn es nur um die Planung des gemeinsamen Abendessens geht, müssen die Gesprächspartner gleichzeitig einander zuhören, eine Antwort zurechtlegen und sie ausformulieren – und zwar exakt zum richtigen Zeitpunkt.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen haben den sogenannten Sprecherwechsel „vermessen“: Wie lange dauert es nach dem Verstummen des einen Gesprächspartners, bis der andere einsetzt? „200 bis 300 Millisekunden darf die Stille zwischen einem Sprecherwechsel in einem einfachen Gespräch maximal dauern.“ fubk-testbild

Erst wenn das Gespräch länger unterbrochen ist, nimmt man die Pause überhaupt als solche wahr. Nach 700 Millisekunden Stille kommt Misstrauen auf, und diese Zeitspanne gilt offenbar sprach- und kulturübergreifend. Selbst, wenn die Antwort nach einer solchen „bedeutungsschwangere Pausen“ dem Wortlaut nach bestätigend ausfällt, wird sie kaum als uneingeschränkt positiv empfunden.

Ein Trost für alle, denen das Neinsagen schwer fällt:

„Manchmal tut es auch ein Neinschweigen.“

Einfach eine Sekunde Stille aushalten, dann ahnt der andere schon, worauf er sich einstellen muss.

Die Forscher kommen zu einer weiteren Erkenntnis: So kurz, wie die Pausen zwischen einem Sprecherwechsel häufig sind, können sie eigentlich gar nicht sein. Denn um eine Antwort zu formulieren, benötigen wir deutlich mehr Zeit. Vermutlich erlaubt sich das Gehirn eine Abkürzung – aufgrund seiner großen Erfahrung mit Alltagsgesprächen und mit großer Risikobereitschaft. Statt einen Schritt nach dem anderen zu erledigen – zuhören, Antwort planen, ausformulieren -, beginnt es so früh wie möglich, die Erwiderung vorzubereiten. Oft redet der Gesprächspartner dann noch mehrere Sekunden lang.

Diese Zeitspar-Taktik des Gehirns hat aber einen Preis:

Wer gedanklich mit seinem eigenen Redebeitrag beschäftigt ist, kann nicht mehr gut zuhören.

Und das wird zum Problem, wenn es entscheidend ist, Informationen aufzunehmen, zwischen den Zeilen zu lesen und Informationen einzuordnen, z.B. in Verhandlungen.

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